Architektonische Besonderheiten

Dr. Frank Seehausen, Architekt & Architekturhistoriker:

"Das Haus in der Kavalierstraße 19/19A ist ein künstlerisch höchst anspruchsvolles und aufgrund seines außen und innen nahezu vollständig erhaltenen Originalzustands außerordentlich bedeutendes Gebäude. Auch aus technikhistorischer Sicht ist das Haus herausragend, befindet sich hier in situ eine der ältesten, mit Maschine und Rohrleitungen original erhaltenen Zentralstaubsaugeranlagen Berlins – ein Fabrikat der hier ansässigen Firma Borsig. Zentralstaubsauger, die erst wenige Jahre zuvor erfunden und vermarktet wurden, fanden sich damals fast ausschließlich in Villenbauten und nur sehr selten in Etagenwohnungen. Es spricht aber sehr für die sehr hohen Ansprüche von Architekten und Bauherrn an Komfort, Hygiene und Bequemlichkeit, der sich in dem Haus auch anderen bauzeitlichen Ausstattungsmerkmalen findet.

Das 1913 als gehobenes bürgerliches Wohnhaus errichtete Mehrfamilienwohnhaus in der Kavalierstraße19/19A in Berlin-Pankow ist ein Beispiel moderner Reformarchitektur von außergewöhnlich hoher architektonischer und handwerklicher Qualität und – was besonders selten ist – nahezu vollständig originalem Erhaltungszustand.

Die reduzierte Putzfassade lebt von den fein abgestuften Gliederungen und wenigen, gezielt angebrachten Schmuckornamenten. Es zeigt sich auch hier, dass in der bewussten Ablehnung der nunmehr als sinnentleert empfundenen Ornamentik der Stuckfassaden des 19. Jahrhunderts äußerster Wert auf Details gelegt wurde. Der einheitliche, die ganze Fassade überziehende farbige Putz lässt den sorgfältig gegliederten Baukörper deutlich hervortreten. Akzentuiert durch die äußerst fein profilierten Fenster bildet das ausgewogene und wohl proportionierte Zusammenspiel von Baukörper, Fenster und farbigem Putz den eigentlichen Schmuck des Hauses. Englische Einflüsse, wie sie nach der Jahrhundertwende in Berlin, aber auch in der Gartenstadt Hellerau (heute Weltkulturerbe) vor allem durch Hermann Muthesius eingeführt wurden zeigen sich auch in der Kavalierstraße. Berlin als Hauptstadt moderner Architektur war um 1900 eng gebunden an einen reformerischen Ansatz, der hier maßgeblich an Architekten wie Alfred Messel, aber auch zahlreiche jüngere Architekten gebunden war – in diesem Zusammenhang muss auch das Haus in der Kavalierstraße gesehen werden. Wie auch bei den frühen Bauten von Taut & Lassen treten dort nur wenige Schmuckelemente der Fassade auf, die aber aus dem Baukörper selber gedacht wurden und nicht als dekorative Applikation.

Nicht nur die Grundrissgestaltung, die durch asymmetrische Raumfolgen eine gewissermaßen wohnliche und komfortable Enthierarchisierung des gehobenen bürgerlichen Grundrisses erreicht, sondern auch zahlreiche architektonische Details, wie die schlicht anmutenden Schiebefenster in den Wintergärten, zeigen die Handschrift eines modernen Architekten, der sich ganz auf der Höhe seiner Zeit befand. Wir haben es auch hier mit einer Übertragung der Landhausarchitektur in die Stadt zu tun, dazu zählen auch der schmale Vorgarten, der Platz für Bäume lässt, die bewusst nicht „repräsentativ“ betonte Ecke des Gebäudes, die Öffnung des Hofes und die Stichstraße – all dies sind städtebauliche und architektonische Mittel einer modernen Reformarchitektur, wie sie um 1910 vor allem von Architekten wie Alfred Geßner und Fritz Beuthin verfolgt wurde. In Berlin fand eine solch moderne Baugesinnung damals ein besonders günstiges Klima, nicht zuletzt durch den Einfluss zahlreicher modern gesinnter Bauherrn und herausragender Architekten wie Alfred Messel und Peter Behrens.

In der Kavalierstraße zeigt sich die moderne Baugesinnung und auch der Einfluss der damals viel diskutierten Landhausarchitektur auch an den Grundrissen: man betritt die Etagenwohnungen über kleine Vorhallen, um welche die angenehm proportionierten Räume gruppiert und teils mit Schiebetüren verbunden sind. Auch in der Gestaltung der Stuckdecken setzt sich vergleichbar differenzierte formale Gestaltungen fort, ganz dem Gedanken verhaftet, jeder Wohnung zumindest noch etwas Eigenheit und das Rudiment eines Hauses zu geben. Das lässt sich auch in den Fassaden ablesen, die vor allem durch Fenster und Erker abwechslungsreich gegliedert sind, ohne den Eindruck eines einheitlichen und dennoch malerisch gegliederten städtischen Hauses zu verlieren.

Die hochwertige bauzeitliche Ausstattung der Kavalierstraße 19/19A bietet beste Bedingungen für eine behutsame denkmalgerechte Modernisierung. Die gut erhaltenen Kastendoppelfenster lassen sich mühelos aufarbeiten und etwa mit einer eingefrästen Dichtung versehen. Die dicken Massivwände lassen den Einbau einer Außendämmung zweifelhaft erscheinen, der finanzielle Aufwand dürfte die Energieeinsparung aller Wahrscheinlichkeit nach auch langfristig übersteigen – der Verlust an historischer Substanz und die ästhetischen Beeinträchtigungen wären hingegen verheerend und ein nicht wieder gut zu machender baukultureller Verlust.“

Frank Seehausen, Dr. phil., Dipl.-Ing. Architekt ist Architekturhistoriker und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU-Braunschweig. Er hat Lehraufträge an der Universität Paderborn der Humboldt-Universität und der Technischen Universität Berlin inne.